
www.stadtbekannt.at (Online Magazin, Dezember 2011)
ALACARTE Magazin Sonderausgabe: Wiener Kaffeehäuser (2011)
Das "Hobby" war was für Insider. Für Leute, die in der Nähe studierten, in der Nähe wohnten, ein Faible für belegte Brote hatten und sich in einem schrankgroßen Ensemble aus den sehr späten 50ern wohl fühlten Das waren also nicht sehr viele, machte aber nichts, denn sehr viele passten in dieses bizarre Lokal ohnehin nicht hinein.
Das Espresso ,,Hobby" hat seinen Namen, so sagt die Legende, weil es dereinst von einem wohlhabenden Herrn seiner Mätresse geschenkt wurde, der ihr riet, es doch ,,Hobby" zu nennen. Tatsächliche Namen und Realitäten verschwanden im Dunkel der Geschichte, nicht zuletzt, weil die legendäre Frau Traude hier dann seit den späten 60ern das Regiment übernahm und die Frau Traude und das Hobby quasi zum Synonym wurden. Das Hobby ist in vieler Hinsicht einzigartig Vorallem aber,weil es den Grundriss (und etwa auch die Größe) eines Konzertflügels hat, andere sagen, den eines überdimensionalen Ohres Der geraden Linien sind hier wenige, der geschwungenen viele, roter Skai, Gardinen, Holzfurnier, Spiegel, indirekte Beleuchtung – die unvermeidlichen Ingredienzien eines authentisch 50er-Jahre Espressos verdichten sich hier auf engsten Raum.
Christian Göttlich, bis dahin als angehender Jurist und Raumakustiker tätig, übernahm das "Hobby" 2007 und versucht seitdem nicht nur, die authentische und einzigartige Atmosphäre dieses Lokals zu erhalten, sondern den einen oder anderen Fehler, der sich in den vergangenen Jahrzehnten ästhetischerseits eingeschlichen hat, auch wieder auszubügeln Eine kulturhistorische Aufgabe, für die es aber zum Glück schon lange nicht mehr so viel Publikum gab wie gerade jetzt, denn das,,Hobby" fungiert keineswegs als architektonisches Relikt, Göttlich veranstaltet Musik-Sessions, seine Espressomaschine verarbeitet jungen Kaffee aus Österreich, das ,,Hobby" spielt somit durchaus wieder vorne mit.
English Version:
One of Vienna's smallest cafes has survived because of the owner's enthusiasm and because it's too tiny to be anything else. Espresso Hobby has long been popular with locals with a weakness for openfaced sandwiches and late 1950s design. There have never been many customers but always enough to fill the place. That's because of its unique size roughly the same shape and surface area as a grand piano, although others would say a big ear. Still, it's big enough for all the ingredients of an authentic '50s espresso: red artificial leather, wood veneer, mirrors and indirect lighting.
Christian Göttlich took over the place in 2007 and has tried not only to preserve the unique atmosphere but also to correct a mistake or two that had been made over the years. It has been quite a task but a rewarding one, and the clientele has never been more enthusiastic. Göttlich stages music sessions, fills his espresso machine with fine coffee roasted in Austria, and runs the place in a highly professional manner - not like a "hobby" at all.
Italienisches Flair, Sonne und Lebensfreude, südliche Leichtigkeit: Der krasse Gegenentwurf zum Wiener Kaffeehaus heißt Espresso. Und nein, selbiges ist trotz Starbucks und „Coffee to go“ noch nicht ausgestorben. Auch in einem Espresso nimmt man den Kaffee quasi im Vorbeigehen oder im Stehen ein. Maximal eine Zigarette dazu – das war’s. Zum Glück konnten sich noch einige Espressos ins 21. Jahrhundert retten.
Zu den herausragenden Vertretern dieser Gattung gehört zweifelsohne das „Espresso Hobby“ im neunten Bezirk. Vorhänge, Spiegel, Rote Skai-Bezüge, Holzfurnier und indirekte Beleuchtung: Das sind die Zutaten eines authentischen Espressos aus den 1950er-Jahren. Im „Espresso Hobby“ verdichten sie sich auf engstem Raum. Der Kaffee stammt übrigens aus der Rösterei SUCHAN aus Freistadt im Mühlviertel. Wer so wie wir der Meinung ist, dass man diesen Kaffee auch zu Hause trinken sollte: Im Hobby gibt es ihn im Viertelkilo-Packerl auch zum Mitnehmen.
Das Espresso Hobby, das Lokal mit dem seltsamsten Grundriss der Stadt, steht kurz davor; zu alter Größe zu finden.
Es kann natürlich am Alter liegen. Wie so vieles. Oder daran, dass gutes Alltagsdesign aus den Fünfzigern und Sechzigern einen Hype erlebt. Oder daran, dass man nach zahlreichen Italienaufenthalten und Espresso-diskursen einmal realisiert hat, dass Wien nie und nimmer Mailand sein kann, soll und wird, dass es in Wien aber - von der Kaffeehauslobby stets erfolgreich bestritten oder zumindest diskreditiert - trotzdem eine lebendige Espressokultur gab. Jedenfalls entdeckt man da plötzlich Lokale, die eigentlich nur großartig sind, aus einer Zeit. als Moderne noch wirklich modern war, und die es unter Umständen bis heute schafften. ihre Aura zu erhalten.
Das Espresso Hobby zum Beispiel, 1949 im Appelt-Hof errichtet, dessen trichterförmiges Portal den völlig seltsamen Grundriss des Espressos in der Form eines Konzertfügels, zur Folge hat. Dieses Thema zieht sich irgendwie als Leitmotiv durchs gesamte (sehr kleine) Cafe, hinter der geschwungenen Bar aus Messing, grauem Kunstleder, Furnier und Glas steht der Cafetier wie ein Pianist, die sechs Tischchen in einer arenaartigen Parabel rundherum drapiert; über der Bar hängt eine seltsame Zwischendecke, aus der so etwas Ähnliches wie Klaviertasten wachsen, die zugleich die Deckleiste der indirekten Beleuchtung für das Flaschenregal bildet – genial! Man sitzt auf einer roten Kunstlederbank oder – noch besser – den dazugehörenden Schemeln und staunt über architektonische Details.
Vor wenigen Wochen hat Christian Göttlich das Hobby übernommen. Der frühere Jurist und Raumakustiker versucht nun, das eh gut erhaltene Hobby Stück für Stück in einen annähernden Orginalzustand zurückzuführen und die stilistischen Fauxpas der vergangenen Jahre auszubessern - ohne freilich die Stammgäste zu irritieren. Die Mischung von Hacklern, Pensionisten, Studenten Ärzten und Anwälten ist erstaunlich heterogen, sie macht einen Großteil des Umsatzes.
Also behielt Göttlich voerst auch Stil und Dumpingpreis des gebotenen Essens bei - faschierte Laberln, Berner Würstel, Augsburger oder geröstete Knödel mit Ei gibt es immer (€5,1), Tagesgerichte wie Gulasch, Erdäpfelgulasch oder Geselchtes kochen seine Frau und er am Abend zu Hause vor und wärmen die 5-6 Portionen in der 0,5 m2 Küche auf. Der Espesso wurde kürzer und stärker, Italiener würden ihn dafür lieben, verrät Göttlich. Auch das Musikangebot driftet eher in Richtung Soul, manchmal (etwa nächsten Freitag) gibt´s sogar ein Livekonzert mit Saxofon und Bass.
Klar, man könnte kompromissloser sein und das Hobby mit einem Mal zum Lieblingslokal für Architekturstudenten machen. Aber wozu? Es soll ja bitte weiter Schinkenbrot statt Garnelenspieß geben.
Resümee: Ein wunderschönes, winzigkleines Espresso wurde neu übernommen und ist nun auf dem Weg zu alter Schönheit.
Christian Göttlich, Ex-Jusstudent und DJ, steht auf gute Musik. In seinem kleinen gemütlichen 20-m2-Espresso hat er die Möglichkeit, diese Leidenschaft vor Publikum, bei einem exzellenten Espresso, haus-gemachten Strudeln, Toast und Würsteln, auszuleben. Die Gästeschar ist bunt gemischt wie auch die musikalische Untermalung mit Soul, Happy über House und Electronic. Der Apfelsaft aus der Südsteiermark, der Wein vom Wagram, Qualität zu fairen Preisen ist das Motto. Minischanigarten vorhanden.
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Pressekonferenz zum Raucherschutzgesetz(Der Standard 30-03-2010)